Herzlichen Glückwunsch – das macht dann 500 Euro!

    Im 5. Semester ging es im Seminar »Designdiskurs II« darum, einen design-kritischen Text zu schreiben.

    Leitung: Prof. Birgit Bauer →

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    Herzlichen Glückwunsch – das macht dann 500 Euro!

    Wenn man über Designpreise spricht, muss man sich zwangsläufig mit dem Wesen des Designers befassen. Wer sind diese Menschen? Warum bezahlen sie Geld dafür, um überhaupt für einen Preis nominiert zu sein?
    Ich habe noch nie von einem Preis in der Steuerberatungsbranche gehört. Überschrift: »Herr Meier aus der Rechtsabteilung der Allianzversicherung gewinnt den Versicherungskaufmannpreis 2013« – quatsch. Aber was ist hier anders?

    Wer in der Kreativbranche arbeitet und etwas geschaffen hat, worauf er Stolz ist, möchte dies auch zeigen. Kreative Prozesse – das kann nicht jeder. Dem Design haftet der Mythos der Kunst an.

    Ist der Designer eitel?
    – Vielleicht.
    Will der Designer seiner Arbeit eine höhere Bedeutung beimessen?
    – Vielleicht.

    These: Der Designer sieht sich als Verantwortlicher einer ganzen Gesellschaft.
    Diese Verantwortung will er geehrt wissen.

    In der Branche geht es darum möglichst große Kunden zu gewinnen, an den tollsten Projekten mitzuwirken, seinen Marktwert zu steigern und im Endeffekt mehr Geld zu verdienen. Und wie macht man auf sich aufmerksam bei der Fülle von Kreativen? Genau, man gewinnt einen Preis, um die Öffentlichkeit zu erreichen und zu sagen »Ja, das hab ich gemacht! Und ja: Ich könnte das auch für euch machen!«

    So weit so gut. Das Problem: Preisvergaben sind oftmals kostenpflichtig. Alle größeren Designpreise in Deutschland erheben einen nicht unbeträchtlichen »Mitmach-Beitrag«. Will heißen: »State of the Art« kann nur sein, wer sich das leisten kann. Und es geht noch weiter: Auch die meisten Messen und Fachtagungen verlangen einen sehr hohen Eintrittspreis. Fachwissen und somit Erfolg also nur für Reiche?

    These: Die Branche der Designer ist eine zwei-Klassen-Branche.

    Essentiell ist auch die Frage, wer überhaupt entscheidet, was gutes und ehrungswürdiges Design ist. Schaut man in die Jurys, erkennt man schnell, dass es sich meist um (oft ältere) erfahrene Menschen handelt, die es in der Branche zu etwas gebracht haben. Menschen, die erfolgreich sind in dem was sie tun. Sie bestimmen also, was momentan im Gestaltungsbereich »State of the Art« ist und morgen sein wird.
    Was wäre, wenn man die Verantwortung an jene Menschen abgäbe, welche die Produkte und Botschaften auch konsumieren, quasi eine Demokratisierung der Designpreise? Täte das der Branche eher schlecht? »Die können das doch gar nicht beurteilen!« höre ich die Elite schon sagen. Aber sind es nicht die Konsumenten, die sich jedes Mal darüber aufregen, wenn sie eine Kaffeepackung öffnen und die Hälfte des Inhalts auf dem Küchenboden landet? Sind sie es nicht, die sich ärgern, wenn sie den Busfahrplan nicht richtig lesen können oder die Inhaltsstoffe auf einer Wurstverpackung schlecht lesen können? Wenn sie mit in den Bewertungsprozess einbezogen werden, würden wir Designer dann nicht viel näher am Menschen arbeiten und ihnen ein größeren Gefallen tun, als wir momentan vorgeben zu tun?

    Zurzeit ist ein klitzekleiner Wandel feststellbar. Die Fachmesse »re:publica« zum Beispiel reduziert den Eintrittspreis für Studenten um ein fast bezahlbares Maß: 60 Euro die Karte. 60 Euro, die für viele Stundenten jedoch auch 3 Wochen Lebensmitteleinkäufe bedeuten.
    »Design made in Germany« iniziiert einen Designpreis der ganz ohne Kosten auskommen soll. (Quelle: http://www.designmadeingermany.de/award/)

    Dennoch bleiben viele Designpreise bei ihrer Gebührenpolitik: »Die Teilnahmegebühr in den Kategorien Kommunikations- und Produktdesign beträgt 350,- Euro, in der Kategorie Nachwuchsdesign 250,-Euro.« (Quelle: Designpreis der Bundesrepublik Deutschland.)

    Ernsthaft? 250 Euro? Das ist für die meisten Studenten die Monatsmiete. Wie viel auszeichnungswürdiges Potential bleibt dadurch unentdeckt und ungewürdigt?

    Öffentlich aufgeregt darüber hat sich die Designerin Juli Gudehus; und gründete einen neuartigen, kostenfreien Preis für Gestaltung – den »Ehrenpreis für Gestaltung«. In liebevoll formulierten Kategorien (wie zum Beispiel »Durch die Blume« oder »Kleine Ewigkeit«) kann jeder Vorschläge einreichen. Leitmotto dabei: Ehre wem Ehre, aber ohne Gebühr! Auch durch die Vergabe eines Publikumspreises wird deutlich: Hier wird dem »normalen« Menschen (ohne Fachkenntnisse und langjährige Erfahrung) zugetraut, seiner Meinung nach, gut gestaltete Dinge zu beurteilen und zu bewerten.

    Dieser Ansatz sollte Schule machen. Weg von der Elitenförderung, hin zu einer Demokratisierung der Designpreisvergabe!